Gesundheitliche Ungleichheit – Zielgruppe Kinder und Jugendliche


Background


Dass alle Schüler/innen ähnliche Chancen auf Gesundheit und Bildung erhalten, ist eines der wichtigsten Ziele der schulischen Gesundheitsförderung. Ob etablierte schulische Gesundheitsförderungsmaßnahmen diesem Anspruch gerecht werden, ist unklar. Die Ergebnisse einzelner Studien zum Thema scheinen fragmentarisch und uneinheitlich.

Neben schulischen Faktoren haben auch umfassendere politische Rahmenbedingungen und Maßnahmen potentiell Einfluss auf die Gesundheits- und Bildungschancen junger Leute und sind somit auch aus Sicht der Gesundheitsförderung interessant

Theoretical Framework


Dieses Projekt soll zum besseren Verständnis möglicher Effekte verschiedener Interventionsformen auf die gesundheitliche Chancengleichheit beitragen. Grundlage bilden einige bekannte Hypothesen, die zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit verwendet werden, z.B. die Inverse-Equity-These, die These sozialer Selektion, u.a. [9]. Sie werden im Rahmen des Projekts kritisch hinterfragt und anhand empirischer Daten auf ihre Plausibilität geprüft.

Objectives


Konkrete Ziele liegen in der Überprüfung bestimmter Annahmen über die Wirkungsweise diverser struktureller oder verhaltensorientierter Maßnahmen aus Gesundheitsförderung oder -politik:

Es gibt die Vermutung, dass viele gesundheitsförderliche Angebote von gesundheitlich besser gestellten sozialen Gruppen auch besser angenommen werden, was die Ungleichheit zwischen ihnen noch weiter vergrößert [8; 11; 12]. Gilt diese Annahme auch für den Bereich der schulischen Gesundheitsförderung? Welche empirischen Ergebnisse sprechen dafür, welche dagegen?

In der Gesundheitsförderung wird des Öfteren davon ausgegangen, dass sich ein hohes Preisniveau gesundheitsschädlicher Substanzen besonders günstig auf das Gesundheits- und Risikoverhalten benachteiligter Gruppen auswirkt. Ein Beispiel ist der Alkoholkonsum. Einzelne Studienergebnisse kommen zum Schluss, dass sich eine Senkung der Alkoholpreise in ärmeren Bevölkerungsgruppen besonders gesundheitsschädlich auswirkt [4]. Lässt sich dieses Fazit auch auf junge Menschen (Schüler/innen) übertragen? Ist dies ein länderübergreifendes Phänomen?

Bestimmte Theorien gehen davon aus, dass Gesellschaften mit hoher sozialer Mobilität ein günstiges Umfeld für Personen mit bestimmten Eigenschaften (gesund, talentiert etc.) schaffen, was deren Gesundheit weiter fördert [9]. Bleiben die Anderen zurück, kann dies gesundheitliche Ungleichheit weiter vergrößern. Finden sich unter Kindern und Jugendliche empirische Hinweise, die derartige Annahmen stützen bzw. entkräften?

Methodologies


Systematischer Review; Statistische Analysen auf Basis internationaler Datensätze (HBSC, EuroStat, Weltbank, OECD, EU-SILC etc.): Logistische Regression, evtl. Mehrebenen-Analyse oder Pfadmodell

Ethical Issues


Im Einklang mit dem Österr. Datenschutzgesetz.

Status / Timeline


2011 - 2016

Results


Zur Beantwortung der 1. Fragestellung überprüften wir, ob die Inverse-Equity-These, die besagt, dass gesundheitspolitische Interventionen bei gesundheitlich privilegierten Gruppen prinzipiell besser wirken [11], auch auf die schulische Gesundheitsförderung zutrifft:

Wie ein Vergleich der Schüler/innen nach ihrem Geschlecht zeigte, besteht bei Ernährungs- und Bewegungsinterventionen die Gefahr, jene in der besseren Ausgangslage zu bevorzugen; in puncto Bewegung sind dies die Burschen, in puncto Ernährung die Mädchen. Dennoch sollte die These nicht undifferenziert auf alle einschlägigen Maßnahmen und Ungleichheitsformen übertragen werden: z.B. können Schüler/inn/en aus ethnischen Minderheiten von vielen Gesundheitsförderungs-Maßnahmen ebenso stark profitieren wie jene aus der Mehrheitsbevölkerung. Auch Kinder aus unterprivilegierten sozialen Schichten können erreicht werden, wenn es gelingt, Gesundheitsförderung konsequent in ihre Lebenswelt zu integrieren, ohne dass dazu bewusste Auswahlentscheidungen ihrerseits nötig sind. Schulische Gesundheitsförderung zeigt in einigen Situationen auch ungleichheitsreduzierende Kompensationseffekte, z.B. wenn sich privilegierte Gruppen bereits auf einem schwer zu übertreffenden Gesundheitsniveau befinden oder wenn dringende armutsbedingte Defizite ausgeglichen werden.

Die Arbeiten zur Beantwortung der Forschungsfragen 2 und 3 sind noch im Gange.

Produkte / Publikationen


Hofmann, F., Flaschberger, E., Felder-Puig, R. (2014):

Wirkung schulischer Gesundheitsförderung auf soziale Ungleichheit. Systematischer Review. Prävention und Gesundheitsförderung. 9 (1), 16-21.

Abstract | Full Text



Hofmann, F. (2013):

Comparative price levels, substance use and inequalities: preliminary analyses. Presentation at the HBSC Member‘s Meeting, St. Andrews, June 19th. 2013.


Hofmann, F., Flaschberger, E., Felder-Puig, R. (2013):

Wirkungen schulischer Gesundheitsförderung auf soziale Ungleichheit bei Schüler/inne/n. Wien: LBIHPR Forschungsbericht.

Projektteam & Kooperationspartner


Felix Hofmann, Rosemarie Felder-Puig (Projektleitung), Edith Flaschberger.

Partner: Bundesministerium für Gesundheit; Hauptverband der österr. Sozialversicherungsträger; Bundesministerium für Bildung und Frauen; Wiener Gesundheitsförderung; Fonds Gesundes Österreich.

Literatur


  1. Brand DA et al. (2007) Comparative analysis of alcohol control policies in 30 countries. Alcohol Control Policies 4(4), 752-759
  2. Corak, M (2006) Do Poor Children Become Poor Adults? Lessons for Public Policy from a Cross Country Comparison of Generational Earnings Mobility. Research on Economic Inequality 13(2006), 143-188
  3. Gilligan C, Kuntsche E, Gmel G (2012) Adolescent drinking patterns across countries: associations with alcohol policies. Alcohol and Alcoholism 47(6), 732-737
  4. Hertua K, Mäkelä P, Martikainen P (2008) Changes in alcohol-related mortality and its socioeconomic differences after a large reduction in alcohol prices: a natural experiment. American Journal of Epidemiology 168, 1010-18
  5. Hofmann F, Flaschberger E, Felder-Puig R (2013) Wirkungen schulischer Gesundheitsförderung auf soziale Ungleichheit bei Schüler/inne/n. LBIHPR Forschungsbericht. Wien: Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research (LBIHPR)
  6. Kaufmann F-X (1999) Konzept und Formen sozialer Intervention. In: Albrecht G, Groenemeyer A, Stallberg FW (Hg) Handbuch soziale Probleme, Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag
  7. Kurkowiak B (2010) Price levels for food, beverages and tobacco across the European market differ significantly: comparative price levels in 37 European countries for 2009. Statistics in focus 30(2010). Luxemburg: Eurostat
  8. Lorenc T, Petticrew M, Welch V, Tugwell P (2013) What types of interventions generate inequalities? Evidence from systematic reviews. Journal of Epidemiology and Community Health 67(2), 190-193
  9. Mackenbach JP (2012) The persistence of health inequalities in modern welfare states: the explanation of a paradox. Social Science and Medicine 75(2012), 761-769
  10. Schnetzer M, Altzinger W (2011) From rags to riches? Intergenerational transmission of income in Europe. Department of Economics Working Paper Series 135. Vienna University of Economics and Business.
  11. Victora, C. G. (2000). Explaining trends in inequities: evidence from Brazilian child health studies. Lancet, 356, 1093-1098.
  12. White M, Adams J, Heywood P (2009): How and why do interventions that increase health overall widen inequalities within populations? In: Babones SJ (Hg) Social Inequality and Public Health, Bristol: The Policy Press